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23.02.2019 18:51 - - Die Mathematik eines Traumes
: iliaganchev :   
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- Die Mathematik eines Traumes

Die durch seine Enthllungen verursachte Bestrzung hatte sich noch nicht gelegt, als Ernst fortfuhr:

Eine ganze Reihe von Ihnen hat heute abend behauptet, dass Sozialismus etwas Unmgliches sei. Sie haben seine Unmglichkeit verfochten, und jetzt lassen Sie mich Ihnen seine Unvermeidlichkeit darlegen. Es ist nicht nur unvermeidlich, dass Sie, die Kleinkapitalisten, untergehen, auch der Untergang der Grokapitalisten und der Trusts ist unvermeidlich. Vergessen Sie nicht, dass die Flut der Entwicklung nie rckwrts fliet. Sie fliet immer weiter, vom freien Wettbewerb zum Verband, vom kleinen Verband zum groen, vom groen zum riesigen, und sie ergiet sich schlielich in den Sozialismus, den riesigsten aller Verbnde.

Sie sagen, dass ich trume. Schn. Ich werde Ihnen die Mathematik meines Traumes darlegen; und ich fordere sie von vornherein auf, mir zu beweisen, dass meine Mathematik nicht stimmt. Ich werde Ihnen zeigen, dass der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems unvermeidlich ist, und ich werde die Unvermeidlichkeit dieses Zusammenbruchs mathematisch beweisen. Ich beginne, und bitte Sie nur, etwas Geduld mit mir zu haben, wenn ich anfangs ein wenig weitschweifig bin.

Lassen Sie uns zunchst einmal einen einzelnen Industriezweig ins Auge fassen, und wenn ich irgend etwas behaupten sollte, mit dem Sie nicht bereinstimmen, so bitte ich Sie, mich zu unterbrechen. Nehmen wir eine Schuhwarenfabrik. Diese Fabrik kauft Leder und verarbeitet es zu Schuhen.

Sagen wir, es wren fr hundert Dollar Leder. Es geht durch die Fabrik und kommt in Form von Schuhen wieder heraus, die einen Wert von, sagen wir, zweihundert Dollar haben. Der Wert des Leders hat sich also um hundert Dollar vermehrt. Wie ist das gekommen? Lassen Sie uns sehen. Kapital und Arbeit haben also den Wert um hundert Dollar gesteigert. Das Kapital stellt die Fabrik, die Maschinen und kommt fr alle Auslagen auf. Arbeit liefert Arbeit. Durch vereinte Kraft von Kapital und Arbeit wurde der Wertzuwachs von hundert Dollar geschaffen. Sind wir soweit einig?

Die Tafelrunde nickte zustimmend.

Arbeit und Kapital haben also diese hundert Dollar verdient, und nun gehen sie daran, zu teilen. Die Statistiken dieser Teilung rechnen mit Brchen: wir wollen der Bequemlichkeit halber runde Zahlen nehmen. Das Kapital nimmt fnfzig Dollar als seinen Anteil, und die Arbeit erhlt fnfzig Dollar in Lohn als ihren Anteil. Wir wollen hier nicht auf die Streitigkeiten bezglich der Teilung eingehen(1) . Wie sehr man sich auch streiten mag, zu irgendeinem Prozentsatz muss die Teilung doch vorgenommen werden. Und bedenken Sie, dass das, was fr diesen einen Industriezweig in Frage kommt, auch fr alle ndern Fabrikationszweige zutrifft. Habe ich recht?

Wieder nickte der ganze Tisch zustimmend.

Und nun setzen wir den Fall, dass die Arbeit, die ihre fnfzig Dollar erhalten hat, ihrerseits Schuhe kaufen wollte.

Sie kann das nur im Wert von fnfzig Dollar. Das ist klar, nicht wahr?

Und nun nehmen wir statt dieses einzelnen Zweiges die ganze Summe aller industriellen Zweige in den Vereinigten Staaten, die die Herstellung des Leders selbst, die Lieferung der Rohstoffe, den Transport und den Verkauf, kurz, alles einschlieen. Nehmen wir, um eine runde Summe zu nennen, an, dass die Gesamtproduktion an Sachwerten in den Vereinigten Staaten vier Milliarden Dollar jhrlich betrgt. In derselben Zeit hat die Arbeit einen Lohn von zwei Milliarden Dollar erhalten. Vier Milliarden sind produziert worden. Wie viel kann die Arbeit hiervon zurckkaufen? Zwei Milliarden. Darber kann es keine Meinungsverschiedenheit geben, das ist sicher. Im brigen ist der Teilungssatz, den ich angenommen habe, sehr hoch, denn in Tausenden von kapitalistischen Unternehmungen kann die Arbeit bei weitem nicht die Hlfte der Gesamtproduktion zurckkaufen. Wir wollen aber annehmen, dass die Arbeit zwei Milliarden zurckkaufen kann. Das heit, dass die Arbeit nur zwei Milliarden verbrauchen kann. Wir mssen also mit zwei Milliarden rechnen, die die Arbeit nicht zurckkaufen und verbrauchen kann.

Die Arbeit verbraucht ihre zwei Milliarden nicht, unterbrach ihn Herr Kowalt. Tte sie es, dann gbe es keine Ersparnisse in den Sparkassen.

Die Ersparnisse der Arbeit in den Sparkassen sind nur eine Art Reservefonds, der ebenso schnell wieder verbraucht wird, wie er sich anhuft. Die Ersparnisse sind fr Alter, Krankheit und unvorhergesehene Flle sowie fr Begrbniskosten gemacht. Sie sind einfach ein Stck Brot, das man wieder in den Schrank gelegt hat, um es erst am nchsten Tage zu essen. Nein, die Arbeit verbraucht alles, was ihr Lohn von der Produktion zurckkauft.

Zwei Milliarden verbleiben dem Kapital. Verbraucht das Kapital, nachdem es alle seine Ausgaben bestritten hat, den Rest? Verbraucht das Kapital seine ganzen zwei Milliarden?

Ernst hielt inne und richtete die Frage an verschiedene Herren. Sie schttelten die Kpfe.

Ich wei es nicht, sagte einer von ihnen freimtig.

Natrlich wissen Sie es, fuhr Ernst fort. Denken Sie einen Augenblick nach. Wenn das Kapital seinen Anteil verbrauchte, knnte die Gesamtsumme des Kapitals nicht wachsen. Sie wrde konstant bleiben. Wenn Sie die konomische Geschichte der Vereinigten Staaten betrachten wollen, werden Sie sehen, dass die Gesamtsumme des Kapitals bestndig gewachsen ist. Das heit, dass das Kapital seinen Anteil nicht verbraucht. Erinnern Sie sich noch der Zeit, als England einen groen Teil unserer Eisenbahnaktien besa? Mit den Jahren kauften wir diese Aktien zurck. Was heit das? Dass der unverbrauchte Teil des Kapitals die Aktien zurckkaufte. Was bedeutet die Tatsache, dass heute die Kapitalisten der Vereinigten Staaten Hunderte und aber Hunderte von Millionen Dollar in mexikanischen, russischen und griechischen Aktien besitzen? Das bedeutet, dass diese Hunderte und aber Hunderte Millionen von ihrem Kapitalanteil nicht verbraucht wurden. Seit Beginn des kapitalistischen Systems hat das Kapital seinen Anteil nie vllig verbraucht.

Und nun kommen wir zur Hauptsache. Vier Milliarden Werte werden jhrlich in den Vereinigten Staaten produziert. Hiervon kauft die Arbeit zwei Milliarden zurck und verbraucht sie. Das Kapital verbraucht die ihm verbleibenden zwei Milliarden nicht. Es verbleibt also ein groer, unverbrauchter berschuss. Und was geschah mit diesem berschuss? Was geschieht mit ihm? Die Arbeit kann nichts davon verbrauchen, denn sie hat ihren Lohn ja bereits ausgegeben. Das Kapital verbraucht diesen berschuss ebenfalls nicht, weil es naturgem soviel, wie es konnte, verbraucht hat. Aber der berschuss ist noch da. Was kann damit geschehen? Was ist damit geschehen? Er geht ins Ausland, meinte Herr Kowalt. Sehr richtig, stimmte Ernst ihm zu. Dieser berschuss verursacht unsern Bedarf an auslndischen Abnehmern. Er wird exportiert. Er muss exportiert werden. Es gibt keine andere Mglichkeit, ihn loszuwerden. Und dieser unverbrauchte und exportierte berschuss wird zu dem, was wir unsere gnstige Handelsbilanz nennen. Sind wir soweit einig?

Es drfte Zeitverschwendung sein, uns dieses Abc des Handels auseinanderzusetzen, sagte Herr Calvin mrrisch. Das verstehen wir alle.

Und gerade durch dieses Abc, das ich Ihnen so genau auseinandergesetzt habe, werde ich Sie aufrtteln! erwiderte Ernst. Das ist das Schne daran. Und ich fange jetzt gleich an.

Die Vereinigten Staaten sind ein kapitalistisches Land, das seine Hilfsquellen aufgeschlossen hat. Zufolge seinem kapitalistischen System in der Industrie hat es unverbrauchte berschsse, die es abstoen muss, und zwar ins Ausland(2). Und was von den Vereinigten Staaten gilt, gilt von jedem kapitalistischen Staate mit erschlossenen Hilfsquellen. Jedes dieser Lnder hat einen unverbrauchten berschuss. Vergessen Sie nicht, dass sie schon miteinander Handel getrieben haben, und dass diese berschsse doch geblieben sind. Die Arbeit in allen diesen Lndern hat ihre Lhne ausgegeben und kann von dem berschuss nichts kaufen. Das Kapital in allen diesen Lndern hat auch schon verbraucht, was es ausgeben konnte. Und immer bleiben noch berschsse. Gegenseitig knnen diese Lnder sich die berschsse nicht verkaufen. Wie werden sie sie also los?

Sie verkaufen sie an Lnder mit unerschlossenen Hilfsquellen, meinte Herr Kowalt.

Sehr richtig. Sehen Sie, meine Beweisfhrung ist so klar und einfach, dass Sie sie selbst in Ihren Gedanken weiterfhren. Und weiter. Gesetzt, die Vereinigten Staaten verkauften ihren berschuss an ein Land mit unerschlossenen Hilfsquellen. Sagen wir, Brasilien. Was erhielten nun die Vereinigten Staaten von Brasilien als Gegenwert?

Gold, sagte Herr Kowalt.

Aber es gibt nur soundso viel Gold auf der Welt, und nicht allzu viel, warf Ernst ein.

Gold in Gestalt von Sicherheiten, Aktien und so weiter, ergnzte Herr Kowalt.

Da haben Sie"s, sagte Ernst. Die Vereinigten Staaten erhalten von Brasilien als Gegenwert Aktien und Sicherheiten. Und was bedeutet das? Das bedeutet, dass die Vereinigten Staaten dann Besitzer von Eisenbahnen, Fabriken, Bergwerken und Lndereien in Brasilien sein werden. Und was bedeutet das wiederum?

Herr Kowalt berlegte und schttelte den Kopf.

Ich will es Ihnen sagen, fuhr Ernst fort. Das bedeutet, dass die Hilfsquellen von Brasilien erschlossen werden. Und nun weiter. Wenn Brasilien unter dem kapitalistischen System seine Hilfsquellen erschlossen hat, wird es selbst einen unverbrauchten berschuss haben. Kann es diesen berschuss an die Vereinigten Staaten loswerden? Nein, denn die Vereinigten Staaten haben selbst einen berschuss. Knnen die Vereinigten Staaten ihren berschuss an Brasilien loswerden wie bisher? Nein, denn jetzt hat Brasilien einen berschuss.

Was geschieht nun? Die Vereinigten Staaten und Brasilien mssen sich andere Lnder mit unerschlossenen Hilfsquellen suchen, um ihren berschuss an sie abzugeben. Und wenn das geschieht, werden auch diese Lnder ihre Hilfsquellen erschlieen, dann bekommen auch sie berschsse und suchen sich ihrerseits wieder Absatzgebiete in anderen Lndern. Jetzt, meine Herren, passen Sie auf. Unser Planet hat nur eine bestimmte Gre. Es gibt nur soundsoviel Lnder auf der Welt. Was geschieht, wenn alle Lnder der Welt, selbst das kleinste und letzte, mit einem berschuss in der Hand allen anderen Lndern, die ebenfalls berschsse haben, gegenberstehen?

Er machte eine Pause und sah die Zuhrer an. Die Bestrzung in ihren Mienen war belustigend. Aber auch Schrecken lag in ihnen. Durch abstrakte Begriffe hatte Ernst eine Vision beschworen. Und jetzt, da sie sie sahen, wurden sie von Schrecken gepackt.

Wir sind vom Abc ausgegangen, Herr Calvin, sagte Ernst listig. Ich habe Ihnen jetzt das ganze Alphabet hergesagt. Es ist sehr einfach. Das ist das Schne daran. Sie haben gewiss die Antwort bereit. Also bitte, wenn jedem Land der Erde ein unverbrauchter berschuss bleibt, wo bleibt dann Ihr kapitalistisches System?

Aber Herr Calvin schttelte rgerlich den Kopf. Er berlegte augenscheinlich, in der Hoffnung, einen Irrtum in Ernsts Beweisfhrung zu finden.

Wir wollen die Sache noch einmal kurz durchsprechen, sagte Ernst. Wir gingen von einem einzelnen Industriezweig, der Schuhwarenfabrikation, aus. Wir sahen, dass die Produktionsteilung dort der aller anderen industriellen Betriebe hnelt. Wir sahen, dass die Arbeit mit ihrem Lohn nur einen gewissen Teil der Produktion zurckkaufen konnte, und dass das Kapital den ihm verbleibenden Anteil nicht ganz aufbrauchte. Wir sahen, dass immer noch ein unverbrauchter berschuss blieb, nachdem die Arbeit ihren ganzen Lohn, und das Kapital alles, was es bentigte, verbraucht hatte. Wir wurden uns darber einig, dass dieser berschuss nur an das Ausland abgesetzt werden konnte, dass infolgedessen die Hilfsquellen dieses Landes aufgeschlossen wurden und dieses Land binnen kurzem selbst einen unverbrauchten berschuss haben musste. Wir dehnten diesen Vorgang auf alle Lnder der Erde aus, bis jedes Land jhrlich und tglich einen unverbrauchten berschuss produzierte, den es nicht mehr an das Ausland absetzen konnte. Und nun frage ich Sie noch einmal: Was fangen wir mit diesem berschuss an?

Noch immer antwortete niemand.

Herr Calvin? fragte Ernst.

Das geht ber meinen Horizont, gestand Herr Calvin.

Ich habe mir solche Dinge nie trumen lassen, sagte Herr Asmunsen. Und jetzt scheinen sie mir so klar wie gedruckt .

Zum ersten Mal hrte ich nun die Auslegung der Lehre Marx(3) vom Mehrwert; Ernst entwickelte sie, und zwar so einfach, dass auch ich bestrzt und wie vom Donner gerhrt dasa.

Ich will Ihnen sagen, wie Sie den berschuss loswerden knnen, fuhr Ernst fort. Werfen Sie ihn ins Meer. Werfen Sie jedes Jahr Hunderte von Millionen Dollar in Schuhen, in Weizen , in Kleidern, in smtlichen Handelsartikeln ins Meer. Wre das nicht eine Lsung?

Zweifellos, antwortete Herr Calvin. Aber es ist abgeschmackt von Ihnen, so zu reden.

Ernst wandte sich blitzschnell gegen ihn.

Ist es auch nur im geringsten abgeschmackter als das, was Sie Maschinenstrmer reden, wenn Sie die Rckkehr zu den vorsintflutlichen Methoden Ihrer Vorfahren fordern? Welche Vorschlge machen Sie, um die berschsse loszuschlagen? Sie wrden der ganzen Frage einfach aus dem Wege gehen, indem Sie keinen berschuss produzierten. Aber wie wollen Sie den berschuss vermeiden: durch Rckkehr zu einer primitiven Produktionsweise, die so verworren, unordentlich und vernunftswidrig, so zeitraubend und kostspielig ist, dass es unmglich wre, einen berschuss zu produzieren !

Herr Calvin schluckte. Der Hieb sa. Er schluckte mehrmals und rusperte sich.

Sie haben recht, sagte er. Ich bin geschlagen. Es ist abgeschmackt. Aber wir mssen etwas tun. Fr uns vom Mittelstand ist es eine Frage auf Leben und Tod. Wir wollen nicht zugrunde gehen. Lieber wollen wir abgeschmackt sein und zu der sicher rohen, primitiven und unkonomischen Methode unserer Vorfahren zurckkehren. Wir wollen die Industrie auf das Vor-Trust-Stadium zurckfhren. Wir wollen die Maschinen strmen. Und was wollen Sie dagegen machen?

Aber Sie knnen die Maschinen nicht strmen, erwiderte Ernst. Sie knnen die Flut der Entwicklung nicht rckwrts lenken. Ihnen stehen zwei Mchte gegenber, deren jede allein strker ist als der Mittelstand. Die Grokapitalisten, die Trusts verlegen Ihnen den Rckweg. Sie wollen nicht, dass die Maschinen zerstrt werden. Und grer noch als die Macht der Trusts ist die der Arbeit. Sie erlaubt Ihnen nicht, die Maschinen zu strmen. Die Weltherrschaft, und mit ihr die Maschine, liegt zwischen Trust und Arbeit. Dort ist die Schlachtfront. Auf keiner Seite will man die Vernichtung der Maschinen, auf jeder Seite aber ihren Besitz. In diesem Kampf ist kein Raum fr den Mittelstand, der ist ein Zwerg zwischen zwei Riesen. Sie mssen einsehen, dass Sie, die Angehrigen des armen, dem Untergang geweihten Mittelstandes, zwischen zwei Mhlsteine gepresst sind, und dass das Mahlen soeben begonnen hat.

Ich habe Ihnen mathematisch bewiesen, dass der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems unvermeidlich ist. Wenn jedes Land mit einem unverbrauchten und unverkuflichen berschuss in der Hand dasteht, wird das kapitalistische System unter dem schrecklichen Profitgebude zusammenbrechen, das es selbst errichtet hat. Dann aber wird es fr den Mittelstand ganz unertrglich werden. Fr die Vereinigten Staaten, fr die ganze Welt wird ein neues, gewaltiges Zeitalter anbrechen. Statt von den Maschinen zermalmt zu werden, wird das Leben durch sie angenehmer, glcklicher und schner gestaltet werden. Sie vom untergegangenen Mittelstand und der Arbeiter — es wird dann nur noch Arbeiter geben — Sie und alle Arbeiter werden die Produkte der wunderbaren Maschinen gerecht verteilen. Und wir alle werden neue und noch wunderbarere Maschinen bauen. Und es wird keinen unverbrauchten berschuss geben, weil es keinen Gewinn gibt.

Gesetzt aber, in diesem Kampf um die Herrschaft ber die Maschine und die Welt wrden die Trusts siegen? fragte Herr Kowalt.

Dann, antwortete Ernst, werden Sie und die Arbeiter und wir alle von der eisernen Ferse der unbarmherzigsten, furchtbarsten Despotismus, den die Geschichte der Menschheit je gesehen hat, zermalmt werden. Diesen Despotismus wrde man treffend mit dem Namen >Die Eiserne FerseZurck zu den Methoden unserer Vter !< Sie sind sich Ihrer Machtlosigkeit bewusst. Sie wissen, dass Ihre Strke eine leere Schale ist, und ich will Ihnen das beweisen.

Welche Macht haben die Landwirte? Mehr als fnfzig Prozent sind Sklaven angesichts der Tatsache, dass sie nur Pchter oder tief verschuldet sind. Und alle sind Sklaven angesichts der Tatsache, dass die Trusts alle Mittel zum Vermarkten des Getreides, wie Speicher, Eisenbahnen, Elevatoren und Dampferlinien, besitzen oder unter ihrer Kontrolle haben. Und noch mehr, die Trusts kontrollieren den Markt selbst. Die Bauern haben gar keine Macht in diesen Dingen. ber ihre politische Macht werde ich spter sprechen, und zwar werde ich dabei gleich ber die politische Macht des Mittelstandes reden.

Tag fr Tag pressen die Trusts die Landwirte aus, wie sie Herrn Calvin und die brigen Molkereibesitzer ausgepresst haben. Und Tag fr Tag werden die Kaufleute auf dieselbe Weise ausgepresst. Erinnern Sie sich, dass der Tabaktrust in New York allein in sechs Monaten ber vierhundert Zigarrengeschfte aufgesogen hat. Wo sind die einstigen Besitzer der Kohlengruben? Sie wissen heute, ohne dass ich es Ihnen zu sagen brauche, dass der Eisenbahntrust Anthrazitgruben und Asphaltfelder besitzt oder kontrolliert. Besitzt der Standard Oil Trust(6) nicht an zwanzig Ozeanlinien? Und steht nicht auch alles Kupfer unter seiner Kontrolle, abgesehen vom Httentrust, einem kleinen Auenseiter? Zehntausend Stdte in den Vereinigten Staaten erhalten ihr Licht von Gesellschaften, die im Besitz des Standard Oil Trusts sind oder unter seiner Kontrolle stehen, und in ebenso vielen Stdten befinden sich alle elektrischen Verkehrsmittel — Straenbahnen, Hochbahnen und Untergrundbahnen — in seinen Hnden. Die kleinen Kapitalisten, denen diese Tausende von Unternehmungen gehrten, sind dahin. Das wissen Sie. Und ebenso wird es Ihnen ergehen.

Dem kleinen Fabrikanten ergeht es ebenso wie dem Landwirt; beide sind heute zu Vasallen erniedrigt. Im brigen sind heute alle Angehrigen freier Berufe, alle Knstler, wenn auch nicht dem Namen nach, Leibeigene und die Politiker Knechte. Warum arbeiten Sie, Herr Calvin, Tag und Nacht, um die Bauern mit den brigen Mitgliedern des Mittelstandes zu einer neuen, politischen Partei zu vereinigen? Weil die Angehrigen der alten Partei nichts mit Ihren atavistischen Ideen zu tun haben wollen. Und warum wollen sie das nicht? Weil sie, wie ich sagte, Knechte und Vasallen der Plutokratie sind.

Ich nannte die Angehrigen der freien Berufe Leibeigene. Was sind sie denn anderes? Sie alle, Professoren, Redakteure, Geistliche, behalten ihre Stellungen nur, weil sie der Plutokratie dienstbar sind, und ihr Dienst besteht darin, nur Ideen zu verbreiten, die der Plutokratie nichts schaden, oder die sie frdern. Verbreiten sie Ideen, die fr die Plutokratie bedrohlich sind, so verlieren sie ihre Stellungen und steigen, wenn sie nicht fr schlechte Tage vorgesorgt haben, zum Proletariat hinab, gehen entweder unter oder werden Agitatoren der arbeitenden Klasse. Und vergessen Sie nicht, dass Presse, Kanzel und Universitt die ffentliche Meinung machen und das Denken des Volkes bestimmen. Die Knstler wiederum schmeicheln fast ausschlielich dem vulgren Geschmack der Plutokratie.

Alles in allem aber ist der Reichtum an sich gar nicht die wirkliche Macht; er ist nur das Mittel dazu, die Macht selbst ist die Regierung. Wer aber beaufsichtigt heute die Regierung? Das Proletariat mit seinen zwanzig Millionen Arbeitnehmern? Selbst Sie lachen ber diesen Gedanken. Der Mittelstand mit seinen acht Millionen ttigen Mitgliedern? Nein, nicht mehr als das Proletariat. Wer kontrolliert also die Regierung? Die Plutokratie mit ihrer knappen Viertelmillion ttiger Mitglieder. Aber auch diese Viertelmillion kontrolliert die Regierung, nicht, wenn sie auch wirksame Beihilfe dazu leistet. Es ist das Hirn der Plutokratie, das die Regierung kontrolliert. Und dieses Hirn besteht aus sieben(7) kleinen, aber mchtigen Gruppen. Und vergessen Sie nicht, dass diese Gruppen heute wirklich gemeinsam arbeiten.

Lassen Sie uns nur eine einzige dieser Eisenbahngruppen herausgreifen und ihre Macht betrachten. Sie beschftigt vierzigtausend Rechtsanwlte, um das Volk zu entrechten. Sie verschenkt ungezhlte Tausende von Fahrkarten an Richter, Bankiers, Redakteure, Minister, Akademiker und Mitglieder der gesetzgebenden Krperschaften und des Kongresses. Sie unterhlt in der Hauptstadt eines jeden Staates sowie in der Landeskapitale ppig eingerichtete Lobbys(8) Und in allen ndern greren und kleineren Stdten des Landes beschftigt sie eine ungeheure Armee von Winkeladvokaten und kleinen Politikern, deren Aufgabe es ist, Parteitagungen beizuwohnen, Versammlungen einzuberufen, sich zu Geschworenen machen zu lassen, Richter zu bestechen und in jeder Weise die Interessen der Gruppe zu vertreten(9).

Meine Herren, ich habe nur die Macht einer von den sieben Gruppen flchtig skizziert, die das Hirn der Plutokratie(10) bilden. Ihre vierundzwanzig Milliarden Werte verleihen Ihnen nicht fr fnfundzwanzig Cents Einfluss auf die Regierung. Ihr Reichtum ist nur eine leere Schale, und auch die wird man Ihnen bald wegnehmen. Die Plutokratie hat heute alle Macht in Hnden. Sie gibt die Gesetze, denn sie hat den Senat, den Kongress, die Gerichte, und die gesetzgebenden Krperschaften in ihrer Gewalt. Und nicht allein das. Hinter dem Gesetz muss die Macht stehen, es zur Ausfhrung zu bringen. Die Plutokratie gibt heute die Gesetze, und zu ihrer Ausfhrung stehen ihr die Polizei, die Armee, die Flotte und endlich auch noch die Miliz, der Sie, ich und wir alle angehren, zu Gebote.

Es folgte keine starke Diskussion, und die Gste gingen bald. Alle waren still und niedergeschlagen, und sie verabschiedeten sich mit leiser Stimme. Das Bild, das sie gesehen hatten, schien ihnen Schrecken eingeflt zu haben.

Die Lage ist wirklich ernst, sagte Herr Calvin zu Ernst.

Ich habe kaum etwas gegen Ihre Schilderung einzuwenden Nur Ihr Urteil ber den Mittelstand unterschreibe ich nicht. Wir werden die Trusts ber den Haufen werfen.

Und zu den Methoden unserer Vorfahren zurckkehren, vollendete Ernst den Satz.

Jawohl, antwortete Herr Calvin feierlich. Ich wei, dass es eine Art Maschinenstrmerei und dass es absurd ist. Aber dann ist das ganze Leben im Hinblick auf die Machenschaften der Plutokratie absurd. Jedenfalls aber ist unsere Maschinenstrmerei letzten Endes praktisch mglich, und das ist Ihr Traum nicht. Ihr sozialistischer Traum ist — nun, eben ein Traum. Wir knnen Ihnen nicht folgen.

Ich wnschte nur, Sie wssten ein wenig von Entwicklungslehre und Soziologie, sagte Ernst nachdenklich, und sie schttelten sich die Hnde. Dann knnten wir uns viele sparen.



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